Davouts vergessener Feldzug

Fragen an Tobias Büchen
1. November 2018

Louis Nicolas Davout

Louis Nicolas Davout,
© wikimediacommons

Herr Büchen, Friedrich Braschs ›Davouts Feldzug gegen Mecklenburg‹ ist eine weitgehend unbekannte Schrift über Davouts Mecklenburg-Feldzug im August 1813. Wie sind Sie auf darauf aufmerksam geworden?

Während meines Studiums musste ich eine Seminararbeit über die Auswirkungen der Kontinentalsperre auf die mecklenburgische Wirtschaft schreiben. Dafür recherchierte ich auch in der Zeitschrift ›Archiv für Landeskunde in den Großherzogtümern Mecklenburg‹, in der auch Braschs Arbeit in zwei Teilen abgedruckt worden ist. Dabei habe ich Braschs Arbeit über Davouts Mecklenburg-Feldzug eher zufällig entdeckt. Da ich mich schon immer für die napoleonische Epoche interessiert habe, hat mich das Thema sofort gefangen. Dass war für mich dann die Initialzündung, mich weiter mit Davouts vergessenem Feldzug zu beschäftigen.

Davouts Mecklenburg-Feldzug ist ja eher ein Nebenschauplatz. Welche Bedeutung hatte der französische Vorstoß für die gesamtstrategische Entwicklung im Herbst 1813?

Nun, da muss man unterscheiden. Bezogen auf den weiteren Verlauf des Gesamtfeldzuges, lässt sich klar konstatieren: gar keine. Die Entscheidungen fielen auf anderen Schauplätzen und ohne durch die Ereignisse in Mecklenburg beeinflusst worden zu sein. Dass gilt übrigens auch für die Schlacht bei Groß-Beeren, die ja oftmals – auch von Brasch – in einen Zusammenhang mit Davouts Mecklenburg-Feldzug gebracht wird. Tatsächlich nahmen Davouts Operationen aber gar keinen Einfluss auf den Schlachtverlauf. Hier beeinflussten also eher Ereignisse auf anderen Schauplätzen die Mecklenburg-Operation.

Auf der anderen Seite hatte der Feldzug aber durchaus politisch-moralische Bedeutung, und zwar vor allem für Dänemark und Mecklenburg. Das neuerliche Bündnis mit Napoleon war in Dänemark nicht unumstritten. Psychologisch war es für die Dänen wichtig zu sehen, dass die Franzosen nördlich der Elbe aktiv operierten. Damit leisteten sie ja auch einen Beitrag zur Verteidigung Dänemarks.

Und Mecklenburg wiederum, bzw. genauer gesagt Mecklenburg-Schwerin, konnte durch den Einsatz eigener Truppen seine keineswegs gefestigte Position als vollwertiger Verbündeter innerhalb der Koalition stärken. Später wurde damit dann die Legende von Mecklenburgs nationalem Aufbegehren gegen Napoleon unterfüttert. So ließ sich gewissermaßen durch Kriegstaten übermalen, dass noch bis Anfang 1813 mit Napoleon über den Erwerb Schwedisch-Pommerns verhandelt worden war. Tatsächlich geschah der Seitenwechsel quasi über Nacht unter dem Eindruck der vor den Toren Schwerins stehenden Russen.

Was ist mit den Schweden? Lässt sich Bernadottes ausweichendes Operieren nicht mit der Bedrohung der schwedischen Versorgungsbasis durch Davout erklären?

Keineswegs. Stralsund, Schwedens Versorgungshafen in Deutschland, war weit außerhalb der Reichweite Davouts. Zumindest solange ihm ein alliiertes Korps in der Flanke saß. Die Stadt war im Übrigen auch gar nicht das Ziel von Davouts Mecklenburg-Feldzug.

Bernadotte nahm zwar Rücksicht auf die innenpolitische Lage in Schweden. Dort waren der Krieg gegen Frankreich und das Bündnis mit Russland alles andere als populär. Er wollte aber vor allem die französische Berlin-Armee ausmanövrieren um sie aus überlegener Position zur Schlacht zu stellen. Kurz vor der Schlacht von Groß-Beeren wurde Wallmodens Korps zu diesem Zweck sogar aus Mecklenburg abkommandiert; ein Befehl der nach Bülows Sieg natürlich sofort zurückgenommen wurde. Abgesehen davon, wagte Bülow die Schlacht bei Groß-Beeren entgegen den Vorstellungen Bernadottes unter anderem auch deshalb, weil er sich über die tatsächliche Stärke der französischen Armee täuschte.

Davout wird in früheren Publikationen unterstellt, zögerlich und ohne ausreichende Informationen gehandelt und damit den Erfolg des Feldzugs verspielt zu haben. Was ist da dran?

Hier betreibt Brasch schon so etwas wie eine Ehrenrettung, indem er sich entschieden gegen diese Deutung stellt. Es stimmt zwar, dass Davouts Mecklenburg-Feldzug auf allen Ebenen zögerlich durchgeführt wurde. Sicher haben dazu gerade in den ersten Tagen unklare Informationen über Stärke und Position des Gegners beigetragen. Doch entscheidender dürften zwei andere Faktoren gewesen sein: Davouts Korps bestand zu einem großen Teil aus unerfahrenen Rekruten ohne Kampferfahrung. Zudem konnte er nicht mit nennenswerten Verstärkungen rechnen. Zum anderen hatte die ganze Operation ja eher unterstützenden Charakter, um alliierte Truppen zu binden und zu verhindern, dass diese Richtung Berlin abkommandiert werden können. Wesentlich wichtiger war es für die Franzosen, Hamburg zu behaupten. Nur so ließen sich die Elbe weiterhin für englische Schiffslieferungen sperren und die Verbindung zum dänischen Verbündeten aufrecht erhalten.

Da Wallmoden, der alliierte Befehlshaber in Mecklenburg, nicht bereit war, sich zur Schlacht zu stellen, konnte auch Davout keine großen Operationen wagen, ohne seine rückwärtigen Verbindungen noch weiter zu exponieren. Vor diesem Hintergrund ist dann auch sein Rückzug auf Hamburg zu sehen.

Der gleiche Vorwurf ist übrigens auch Wallmoden gemacht worden, dessen Korps ebenfalls zu einem erheblichen Teil aus unerfahrenen oder irregulären Truppen bestand.

Sie meinen das Lützower Freikorps?

Unter anderem, aber auch die eilig ausgehobenen hanseatischen, lauenburgischen und hannoveranischen Truppen oder die russisch-deutsche Legion. Alle diese Verbände bestanden aus Rekruten ohne nennenswerte Kampferfahrung. Dass Wallmoden seinen multinationalen Verband unter diesen Umständen vorsichtig geführt hat, ist weder verwunderlich, noch ihm vorzuwerfen. Es entsprach auch seinem Auftrag, der ja gerade nicht darin bestand, Territorium zu verteidigen, sondern Davouts Korps von Berlin abzudrängen. Seine Rolle war eher die einer army-in-being, die alleine durch ihre Existenz den Gegner schon zu vorsichtigem Handeln zwang.

Das Lützower Freikorps nimmt aber natürlich aufgrund seiner späteren Popularität, die es eher den prominenten Mitgliedern, als herausragenden Leistungen verdankt, eine besondere Rolle ein. Speziell hier lässt Brasch – durchaus zeittypisch – jede Distanz vermissen. Die Lützower werden überhöht und ihre Leistungen, etwa bei Lauenburg, hervorgehoben. Die ebenfalls dort eingesetzten Kosaken erwähnt Brasch hingegen kaum.

Warum sollten heutige Leser, die sich für die Epoche interessieren, Braschs Buch lesen?

Nun, das liegt meines Erachtens auf der Hand. Brasch beschäftigt sich hier mit einem weitgehend unbeachteten Nebenschauplatz. Ich nenne es “Davouts vergessenen Feldzug”, weil er bis heute in Publikationen zu den Napoleonischen Kriegen kaum näher beleuchtet wird. Quistorps Monumentalwerk über die Geschichte der Nordarmee ist da eine Ausnahme. Auch Zander geht etwas ausführlicher darauf ein, jedoch nicht in der Ausführlichkeit und Ausgewogenheit wie Brasch.

Friedrich Braschs Sprache ist natürlich auch ein Stück weit die Sprache seiner Zeit, und für heutige Leser vielleicht erst einmal ungewohnt. Zugleich ist er methodisch aber beinahe modern. Er geht quellenkritisch vor und kontextualisiert Ereignisse und Entscheidungen. Zudem versucht er sehr konsequent anhand der ihm zugänglichen Quellen und Zeugnisse darzustellen, wer wann was gewusst hat oder wissen konnte und warum die Protagonisten so handelten, wie sie gehandelt haben. Dabei vermeidet er Spekulationen, etwa zu den “wahren” Motiven Bernadottes, dem in früheren Publikationen vereinzelt ohne Quellengrundlage eine geheime Agenda unterstellt wurde.

Durch den eindeutigen und stringenten militärhistorischen Fokus ist sein Buch inhaltlich im Großen und Ganzen noch aktuell. In Verbindung mit den eigens für die Neuausgabe erstellten Karten und militärischen Anhängen, bietet das Buch erstmals eine konzise, profunde Darstellung des Mecklenburg-Feldzuges 1813, die so in keiner modernen Darstellung zu finden ist.

Friedrich Brasch – Davouts Feldzug gegen Mecklenburg im August 1813

2018. 144 S., mit Bibliogr., 3 Kt. und militärischen Anhängen, 14,8 x 21,5 cm, kart.