Das Vermächtnis eines ehrenwerten Lebens

Katharina Wielke über Emil Flusser
15. November 2018

Kinderarzt Emil Flusser

Inserat für die neue Kinderarztpraxis vom Emil Flusser, © Budweiser Zeitung 1919

Einführung des Frauenwahlrechts und der parlamentarischen Demokratie in Deutschland, das Ende der Monarchie und des 1. Weltkrieges, der Beginn der sozialen und kulturellen Moderne: Das Jahr 1918 steht für eine Vielzahl an Ereignissen und Entwicklungen, die unsere Welt bis heute prägen. Das Ende des Krieges war indes auch ein Wendepunkt in der Geschichte der Friedensbewegung. Liberale und Sozialisten rückten in ihrem gemeinsamen Bestreben für eine friedliche Welt aneinander. Zehntausende an Leib und Seele gezeichnete Kriegsheimkehrer machten auch durch fotografische Verbreitung die Schrecken eines industrialisierten Krieges für jeden sichtbar, besonders eindrücklich in Ernst Friedrichs Bildband ›Krieg dem Kriege‹.

Doch der Glaube an die Unmöglichkeit eines neuen Krieges und an einen Europäischen Frieden, wie er durch die Locarno-Verträge, den Kellogg-Briand-Pakt oder die Paneuropa-Bewegung wach geworden war, begann sich ab Ende der 1920er Jahre einzutrüben. Nationalistische und faschistische Gruppen erhielten quer durch Europa Zulauf. Mit martialischer Rhetorik schürten sie den Zorn auf ethnische, religiöse und soziale Minderheiten. Es war diese aufgeheizte Stimmung, die einen Kinderarzt aus dem tschechischen Budweis dazu veranlasste, seine Stimme gegen Hass und Krieg zu erheben: Emil Flusser (1888–1942).

Emil Flusser wusste was es bedeutete, Teil einer Minderheit zu sein. 1888 im böhmischen Teil der österreichischen Monarchie als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren, gehörte er nach dem Krieg zur Böhmen-Deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei. Und er wusste, was Krieg bedeutet. Seine Kriegserlebnisse als Sanitätsoffizier hatten ihn zu einem überzeugten Pazifisten gemacht. Nach dem Krieg kehrte er in seine Heimat zurück, gründete eine Familie und ließ sich als Kinderarzt nieder. Publizistisch trat er in den folgenden Jahren vor allem mit Artikeln zur Kinderheilkunde in Erscheinung. Regelmäßig korrespondierte er auch mit Vertretern der Friedensbewegung, u. a. mit Albert Einstein und Karl Kraus (eine Untersuchung dieser Korrespondenz und ihre Einordnung liefert die Masterarbeit von Markéta Löwová).

Den Krieg heilen

Der Zulauf rechter Parteien Anfang der 1930er Jahre brachte Emil Flusser schließlich dazu, seine Stimme in die Waagschale zu werfen. Nicht als Stimme der Vernunft und der Ethik, sondern als Stimme der Medizin. In ›Krieg als Krankheit‹ untersucht er die tieferen Ursachen hinter Kriegslust und Kriegstreiberei und plädiert dafür, Krieg als Folge einer psychopathologischen Epidemie zu verstehen. Seine Verhütung sei deshalb auch und gerade eine Aufgabe für Mediziner. Wiederholt gibt er seiner Überzeugung Ausdruck, dass Krieg eine Geisteskrankheit ist. Darin sieht er sich durch den Umstand bestätigt, dass in Friedenszeiten der Wahnwitz des Krieges den meisten gesunden Menschen voll bewusst sei. Krieg könne daher nur die Folge einer Massenhysterie sein, eines kollektiven Wahns in dem die Stimme der Vernunft untergeht. Die Menschen von diesem Wahn tatsächlich zu heilen sieht er als die größte Aufgabe seiner Zunft.

Seine Überzeugung, dass es möglich sei, durch eine organisierte medizinische Kampagne einer neuerlichen ›Epidemie‹ des Krieges zu begegnen, mutet naiv an. Und es schwingt keine geringe Resignation mit, wenn er feststellt, dass sich im 1. Weltkrieg auch Mediziner und Pflegepersonal in den Lazaretten dadurch ausgezeichnet haben, dass sie den Kriegswahn bei den verwundeten Soldaten weiter anfeuerten. Daher müsse zunächst das Bewusstsein für die krankhaften Züge des Krieges in der Ärzteschaft selber gestärkt werden. Nur so ließe sich vermeiden, dass Mediziner selber Opfer dieses Wahns werden. Denn solange die gesamte Menschheit Gefahr laufe, durch eine psychische Epidemie dahingerafft zu werden, sei jedes weitere Bemühen der Mediziner, neue Therapieformen zu entwickeln oder Operationsmethoden zu perfektionieren überflüssig.

Sein unkonventioneller Ansatz erfuhr Unterstützung von namhaften Pazifisten. Der holsteinische Verlag Paul Riechert, bekannt für seine pazifistischen Veröffentlichungen, nahm das Buch ins Programm. Albert Einstein schrieb in seinem Geleitwort: »Möge das Buch manchen Zeitgenossen die Augen öffnen zum Heile unserer so schwer bedrohten Kulturgemeinschaft!«[1]

Würdigung eines vergessenen Lebens

Es kam bekanntlich anders als Flusser und Einstein hofften. Beide sahen das Drohen eines neuen Krieges klar voraus, sollten die Nationalsozialisten die Macht übernehmen. ›Krieg als Krankheit‹ gehörte mit zu den ersten Büchern, die nach Hitlers Machtübernahme 1933 auf dem Scheiterhaufen landeten. Dass es nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst weitestgehend in Vergessenheit geraten ist, war dabei kein Zufall, sondern hatte tragische Gründe. Emil Flusser fiel schließlich selber einem Rasse- und Vernichtungswahn zum Opfer, den er selber 1932 noch für unmöglich gehalten hatte. Zunächst mit einem Berufsverbot belegt, wurden er und seine Familie schließlich 1942 nach Theresienstadt deportiert und ermordet.

Es ist vor allem dem Bemühen eines kleinen Kreises engagierter Wissenschaftler und Friedensaktivisten zu verdanken, dass Emil Flusser vor dem endgültigen Vergessen bewahrt wurde . Als der Politikwissenschaftler und Friedensforscher Peter van den Dungen begann, sich in den 1990er Jahren mit Leben und Werk Emil Flussers auseinanderzusetzten, stellte er schnell fest, dass die Nazis bei der Vernichtung von dessen Werk tatsächlich weitestgehend erfolgreich gewesen waren. In Deutschland war das Buch nur noch in wenigen Fachbibliotheken zu finden, außerhalb Deutschlands konnte er nur vier Kopien aufspüren.

Auch der Zweite Weltkrieg war kein Krieg, der alle Kriege beendete. Tatsächlich nimmt die Zahl kriegerischer Konflikte weltweit seit einigen Jahren zu. Martialische Rhetorik ist als Mittel der Politik auch in der westlichen Welt wieder salonfähig geworden. Für Peter van den Dungen ist es »zuerst und vor allem eine Frage der historischen Gerechtigkeit, von Wiedergutmachung und des Respekts vor einem ehrenwerten und tragischen Leben,« [2] Emil Flusser wieder ins Bewusstsein zu rücken. Zugleich bleibt das Buch des Kinderarztes aus Budweis aber auch ein wichtiger Beitrag zur Kriegsursachenforschung und zur Sozialpsychologie. 

Literatur

[1] Flusser, Emil: Krieg als Krankheit. Geleitwort von Albert Einstein, Heide/Holstein 1932.

[2] van den Dungen, Peter: Dr. Emil Flusser. Forgotten Precursor of the Medical Peace Movement, in: Medicine, Conflict, Survival 1996, 12 (2), pp. 90-106.

 

Emil Flusser Krieg als Krankheit – Ein Klassiker der Friedenspsychologie

Emil Flusser – Krieg als Krankheit

2018. 164 S.,13,4 x21 cm, kart.